Nationalismus in Wikipedia – Ein analytischer Vergleich zur „Oluja 1995“

Jeder der über die Geschichte schreibt, sie erklärt und analysiert, lässt sein eigenes Urteil zur Darstellung der Vergangenheit einfließen. Die freie Enzyklopädie Wikipedia ist gefüllt mit Inhalten, die auf individuellen Darstellungen beruhen und oft ohne seriöse Quellenangaben dargelegt werden. Dabei behandeln Autoren auf der Wikipedia-Plattform in mehreren Sprachen sensible historische Themen, ohne die Richtlinien der Geschichtswissenschaften zu befolgen. So entstehen abstrakte Darstellungen historisch bedeutender Ereignisse, die aus der Perspektive eines anonymen Autors geschrieben werden, der willkürlich in seiner jeweiligen Sprache die Geschichte verfasst, falls er über ausreichende Rechte innerhalb der Wikipedia-Hierarchie verfügt.

Die Wikipedia-Autoren haben somit die Macht, die Geschichte nach ihren Vorstellungen und jeweiligen weltpolitischen Anschauungen zu verändern. Bei der Untersuchung der Wikipedia- Artikel zur Militäroperation „Oluja“ von 1995 in den Sprachen kroatisch, serbisch, serbokroatisch, bosnisch und deutsch, konnte festgestellt werden, das die anonymen Wikipedia-Autoren teilweise ohne Belege nationalistische Thesen verbreiten können, ohne dafür mit Konsequenzen rechnen zu müssen. Es konnte festgestellt werden, dass auf den Wikipedia-Seiten der damaligen Kriegsparteien (Serben, Kroaten und Bosniaken) kein Konsens über die historische Deutung der Ereignisse herrscht und die Wikipedia als Organisation, differenzierte sowie nationalistische Inhalte auf der jeweiligen Seite zulässt und dabei offenbar keinen Einfluss auf die verantwortlichen Administratoren nimmt nationalistisches Gedankengut zu unterbinden, die eine objektive Darstellung behindern.

Wikipedia und die Geschichtswissenschaft

Wissenschaftliche Untersuchungen zum Thema „Wikipedia und Geschichtswissenschaft“ haben Thomas Wozniak, Jürgen Nemitz und Uwe Rohwedder unternommen, die in Kooperation mit anderen Historikern die Wikipedia-Artikel in Bezug zur Geschichtswissenschaft gesetzt haben. Besonders hilfreich waren die Ausfertigungen von Peter Hoeres zum Thema „Geschichtsvermittlung auf Wikipedia“ sowie von Klaus Richter zum Thema „Wikipedia als Objekt der Nationalismusforschung“.

Peter Hoeres beschäftigt sich zu Beginn seiner Darstellung mit der Frage, aus welchen Gründen die Wikipedia derart erfolgreich ist? Dabei drängen sich drei Hypothesen auf: Ersten, die Wikipedia ist keine typische Enzyklopädie. Sie ist umfangreich, verlinkt, multimedial und aktuell. Alles, was den Zugang zum Wissen erleichtert. Zweitens, sie überschreitet die Grenzen zwischen einer Fachenzyklopädie und einem Lehrbuch. Sie nimmt sich dem Zeitgeist, der Popkultur und den Subkulturen an. Und Drittens, die Wikipedia ist bei Suchmaschinen beliebt, über die 95 Prozent aller Aufrufe der Seite laufen.

Dabei betont Hoeres, dass die Wikipedia seit ihrer Online-Aktivierung am 15. Januar 2001, einer Dauerkritik untersteht, die vor allem die Qualität der Artikel nach geschichtswissenschaftlichen Standards betrifft. Im Rahmen seiner Untersuchung wurde festgestellt, dass „die Verwissenschaftlichung biografischer und historischer Artikel in Wikipedia stecken geblieben ist“, wobei die digitale Public-History eher als eine Popular-History bezeichnet werden kann. Zwar werden die Zitate seit 2005 nachgewiesen und mit inhaltlichen Aussagen belegt, allerdings bleibt „die Qualität der Belege oft mangelhaft“, wobei zentrale Literatur ungenannt bleibt und „Links zu unseriösen oder qualitativ nicht wissenschaftlichen Standards entsprechenden Seiten“ führen. Für die Geschichtsschreibung ist zudem problematisch, dass selten Primärquellen in der Wikipedia herangezogen werden. Darüberhinaus kritisieren viele Historiker die fehlende Kürze, die ein Nachschlagewerk charakterisiert. Die Länge mancher Texte entsteht allerdings dadurch, dass viele verschiedene anonyme Autoren, die unterschiedliche Unterpunkte als sinnvoll erachten, an einem einzigen Text schreiben, wodurch die Qualität stark abnehmen kann. Die verständlichsten Artikel sind hingegen solche, die nur von einem Autor gegliedert und verfasst wurden.

Zudem wird die Anonymität der Administratoren kritisiert, die über Inhalte entscheiden, die wiederum sensible Themen betreffen. Dabei besteht die Gefahr von Vandalismus auf Wikipedia, indem Falschinformationen oder bewusste Verfälschungen eingefügt werden. Um dies zu verhindern, versucht die Wikipedia durch eine hohe Autorenanzahl einen dynamischen Kontrollmechanismus auszulösen, um durch den gegenseitigen Druck, tendenziell eine höhere Qualität zu erreichen. Problematisch ist hingegen, dass die Qualität nicht nur zwischen einzelnen Artikeln, sondern auch in ganzen Themenbereichen sehr schwankend ist. Dabei sind die Einstiegshürden für neue Autoren in der Wikipedia relativ gering. Viele beginnen, mit einem einfachen Thema oder einer Biografie. Diese ersten Artikel mit geringer Relevanz, werden im Grunde kaum inhaltlich überprüft, wenn genügend Literatur angegeben wird. Dabei kann die Qualität eines Artikels mit der Zeit abnehmen, wenn dieser durch die Interaktion anderer Autoren ungeordnet erweitert wird.

Sprachenvielfalt und Nationalismus

Klaus Richter hat in seiner Analyse zum Thema „Wikipedia als Objekt der Nationalismusforschung“ festgestellt, dass sich Wikipedia-Texte von anderen Enzyklopädie- Projekten vor allem dadurch unterscheiden, dass sie mehrsprachig sind, ohne in erster Linie ein Übersetzungswerk zu sein. „Während manche – vor allem sehr kurze – Artikel Ergebnisse direkter Übersetzungen sind, entstehen die meisten Artikel als eigenständige Schreibleistungen“. Dadurch können sich die Wikipedia-Artikel in den unterschiedlichen Sprachen zum selben Thema beträchtlich voneinander unterscheiden. Für Richter macht genau das die Wikipedia für die Nationalismusforschung interessant, „da sie dem Leser unterschiedliche Narrative in unterschiedlichen Sprachen unmittelbar zur Verfügung stellt“. Zudem weist Richter auf die Diskussionsseiten zu den Artikeln hin, in denen die ethnozentrischen Narrative diskutiert werden und nur selten im Hauptartikel zu finden sind. Er stellt fest, dass „die Artikel und die Diskussion selbst […] aufgrund ihres prozessualen Charakters eine Form des Nationalismus im Sinne einer praktischen Kategorie“ darstellen und bedürfen der Untersuchung als solche.

Kritik an der serbischen und kroatischen Wikipedia

Die kroatische und serbische Wikipedia wurde in den letzten Jahren immer häufiger kritisch hinterfragt. Snježana Kordić stellt in ihrer Untersuchung zum Thema „Jezik i nacionalizam“ („Sprache und Nationalismus“) fest, dass in beiden Online-Enzyklopädien ein ausgeprägter Nationalismus vorhanden ist, der sich vor allem in den Texten über sensible geschichtliche Ereignisse wiederspiegelt. Der Höhepunkt der Debatte wurde im September 2013 erreicht, als ein öffentlicher Streit zwischen den Historikern in Kroatien und Serbien über die Inhalte der beiden Wikipedia-Seiten ausbrach. Der Grund war eine offizielle Beschwerde des ehemaligen kroatischen Bildungsministers Željko Jovanović an den Wikipedia-Gründer Jimmy Wales wegen der fehlenden Objektivität in der Wikipedia. Wales reagierte unmittelbar mit einer Erklärung, in der er für eine baldige Lösung des Problems plädierte. Infolgedessen wurde auf die Initiative von Wales eine gemeinsame „serbokroatische Wikipedia“ gegründet, um nationalistische Thesen zu unterbinden. Die „gemeinsame Wikipedia“ wurde von kroatischer und serbischer Seite drastisch abgelehnt und von der Öffentlichkeit als „jugoslawische Wikipedia“ charakterisiert. Denn die serbokroatische Sprache basiert auf die jugoslawische Idee, eine Dachsprache zu etablieren, was vor allem in der Sozialistischen Republik Jugoslawien propagiert wurde.

Im kritischen Diskurs wurde festgestellt, dass die serbische Wikipedia wesentlich nationalistischer ist als die Wikipedia-Seiten der anderen ehemaligen jugoslawischen Teilrepubliken. Oft fehlen bei sensiblen Themen genaue Quellenangaben oder es werden unseriöse serbisch-nationalistische Portale als Quelle angegeben. Zudem gibt es Autoren, die ohne Faktenanalyse schreiben, die Geschichte umformulieren sowie Nationalismus verbreiten, was mit der Wikipedia-Arbeit nicht vereinbar sein kann. Das betrifft auch kroatische und bosnische Wikipedia-Artikel, wenn auch in einem viel geringerem Maße.

Die unterschiedlichen Interpretationen der „Oluja“

Das die Wikipedia für die Nationalismusforschung ein besonders spannender Ort ist, wird in der Analyse der verschiedenen Wikipedia-Artikel über die Militäroperation „Oluja“ deutlich. Dabei steht der serbische Artikel als Beispiel für eine unseriöse Darstellung historisch sensibler Ereignisse mit nationalistischem Charakter. Bereits unter der Überschrift des Artikels „Operacija Oluja“, findet sich ein Hinweis der Wikipedia auf die fehlenden und ungenügenden Quellenangaben, mit der Formulierung: „Es wird darauf verwiesen, dass dieser Artikel die Richtlinien der Wikipedia für zuverlässige Quellen nicht erfüllt“. Inhaltlich wird der Schwerpunkt auf den Exodus der serbischen Bevölkerung während und nach der „Oluja“ gesetzt. Kritische Thesen werden dabei kaum mit Quellen belegt oder führen teilweise zu unseriösen serbischen Portalen wie „Pressonline.rs“ oder Boulevardmedien wie „Blic“ und „B92“, welche wiederrum teilweise in kyrillischer Schrift geschrieben sind. Darüberhinaus finden sich antiamerikanische bzw. -westliche Elemente, in denen die NATO unter Führung der USA beschuldigt wird, an der Operation aktiv teilgenommen zu haben, was den historischen Tatsachen nicht unmittelbar entspricht. Zudem nimmt der Autor eine persönliche Wertung vor, indem das Urteil des Haager Kriegsverbrechertribunals zur „Oluja“ als „Verspottung der Gerechtigkeit und der Opfer“ bezeichnet wird, was der neutralen Darstellung eines Enzyklopädie-Eintrags nicht entspricht. Die NATO wird zudem unter der Spalte „Konfliktparteien“ der kroatischen Seite hinzugefügt, was in den anderen Artikeln (deutsch, englisch, kroatisch, bosnisch) nicht der Fall ist.

Der kroatische Wikipedia-Eintrag setzt hingegen den inhaltlichen Schwerpunkt auf die militärische Durchführung der „Oluja“. In etwa 70 Prozent des Artikels wird die Strategie der Operation dargestellt sowie die jeweiligen Truppenstärken verglichen. Allerdings ist auch hier ein gemäßigter Nationalismus zu finden, wobei einige Thesen auf die Portale kroatischer Tageszeitungen wie „Jutarnji List“ oder „Vecernji List“ führen. Strittige Thesen werden großenteils mit dem verlesenen Urteil des Kriegsverbrechertribunals in den Haag belegt. Mit dem Exodus der Serben aus der sogenannten „Republika Srpska Krajina“ während der „Oluja“ beschäftigt sich der Artikel in geringerem Maße. Dabei wird die Schuld für den Exodus der damaligen serbischen Führung zugeschrieben und auf die Vertreibung der kroatischen Bevölkerung 1991 hingewiesen. Die Auseinandersetzung mit den Kriegsverbrechen nach der „Oluja“ wird in dem Artikel ignoriert.

Die bosnische Wikipedia-Seite lehnt sich stark an die kroatische Darstellung der Ereignisse an und betont aus bosnisch-muslimischer Perspektive, dass ohne die Aktion Oluja, der bosnischen Stadt Bihac dasselbe Schicksal wie Srebrenica im August 1995 gedroht hätte. Im sogenannten gemeinsamen, serbokroatischen Artikel, versuchen die Autoren eine objektive Darstellung zu formulieren. Dabei wurden mehrere Passagen aus dem kroatischen und serbischen Artikel übernommen, die keine neutrale und objektive Perspektive auf das Ereignis garantieren und somit  als eine Zusammenfassung beider Texte bezeichnet werden kann. In der deutschen Wikipedia wird die Oluja aus westlicher Perspektive geschildert, welcher sich mehr am kroatischen Artikel anlehnt.

Alle untersuchten Wikipedia-Artikel enthalten enorme Abweichungen, was zum Beispiel die Zahl der Militäreinheiten oder der Opfer betrifft und verfügen somit über ein starkes Konfliktpotenzial, die gleich mehrere Thesen betreffen. Als problematisch stellt sich bereits die Benennung der 1991 von den Serben okkupierten Teilrepublik der „Serbischen Krajina“ dar, die international nicht anerkannt und 1995 aufgelöst wurde. Im Gegensatz zum serbischen Artikel, wo ausschließlich die Rede von einer „Serbischen Republik“ ist, wird die sogenannte „Republika Srpska Krajina“ im kroatischen und bosnischen Artikel als „Quasi-Staat“ mit „paramilitärischen Einheiten“ bezeichnet. Dagegen wird die Teilrepublik von sog. serbokroatischen und deutschen Autoren als „ehemalige Republik“ bezeichnet.

Durch die differenzierte Darstellung der Wikipedia-Artikel in den untersuchten Sprachen wird deutlich, dass die Aufarbeitung des Krieges im ehemaligen Jugoslawien ein mühsamer Prozess ist. Mehr als 20 Jahre nach Kriegsende konnte weder in der Geschichtswissenschaft, noch im öffentlichen Diskurs ein Konsens zwischen den ehemaligen Kriegsparteien über das Ereignis gefunden werden. Nun belegen auch die Wikipedia-Artikel diese Tatsache und lassen außerdem nationalistische Elemente erkennen. Was die genaue Nationalismusforschung betrifft, so muss beachtet werden, dass sich Wikipedia-Artikel ständig im Wandel befindet und sich verändern.

 

 

Quellenverzeichnis:

Hoeres, P.: Hierarchien in der Schwarmintelligenz. In: Wozniak/Nemitz/Rohwedder, 2015, S.29

Kordic, S. (2010). Jezik i nacionalizam. Zagreb: Rotulus/Universitas Durieux.

Richter, K.: Wikipedia als Objekt der Nationalismusforschung. In: Wozniak/Nemitz/Rohwedder, 2015, S.29

Wozniak, T., Nemitz J., Rohwedder U. (2015). Wikipedia und Geschichtswissenschaft. Oldenburg: De Gruyter Verlag.