Katalonien – ein neuer Staat oder das spanische Quebec?

Die bedauernswerte Geschichte der Katalanen ist schon alt, von vielen verdrängt und oft verfälscht. Aber warum leidet eine Kulturnation, der mehr als 7 Millionen Menschen angehören, unter derartigen Repressalien? Die Kultur, Geschichte und Sprache Kataloniens sind einzigartig und die Katalanen selbst sehen sich klar vom übrigen Spanien getrennt und als eine eigene Nation. Ich habe mich auf den Weg nach Barcelona gemacht, um die Katalanen näher kennenzulernen, um ihre Bestrebungen nach der Unabhängigkeit zu verstehen.

Es ist schon verblüffend, dass in Europa mehr Menschen katalanisch sprechen als dänisch, slowakisch oder finnisch. Es ist eine der größten „Kulturnationen“ der Welt, die ohne einen eigenen Staat existiert. Katalonien, das etwa ein Siebtel der spanischen Bevölkerung ausmacht und noch immer zu den wirtschaftlichen Motoren des Landes zählt, möchte sich endlich befreien. In vielen Teilen Kataloniens herrscht das Gefühl, sich gegen den Druck spanischer Zentralgewalt behaupten zu müssen. Die Ursachen dafür sind unterschiedlich. Zum einen berufen sich die Katalanen auf ihre historische Eigenständigkeit, die von Spanien bis heute unterdrückt wurde. Zum anderen auf die eigene Sprache, die in Katalonien der deutlichste Ausdruck eines eigenen Selbstbewusstseins ist. Denn Català wird nicht nur innerhalb der heutigen spanischen Region Katalonien gesprochen, sondern auch in den sog. katalanischen Ländern, zu denen neben Valencia und den Balearen auch Andorra und Roussilion (Frankreich) gehören.

Der Konflikt: Kastilien und Katalonien

image3-1024x768In den letzten 50 Jahren ist kaum ein Jahr vergangen, in dem die spanische Regierung nicht über ein Gesetz gegen die katalanische Sprache und Kultur debattiert hat. So zum Beispiel das neue Gesetz zur Pädagogik, welches darauf angelegt ist, das katalanische Schulmodell zu zerschlagen. Es besagt, dass wenn nur ein Kind in einer Schulklasse spanisch spricht, die Lehrer die Unterrichtssprache von Katalanisch auf Spanisch ändern müssen. Insofern ist die eigentliche Frage nicht: „Warum gibt es so viele Katalanen, die keine Spanier sein wollen?“, sondern: „Warum ist Katalonien eigentlich noch in Spanien?“

Bis ins 15. Jahrhundert waren Kastilien und Katalonien die beiden dominierenden Mächte der iberischen Halbinsel. Geographisch und politisch betrachtet, waren das zwei sehr unterschiedliche Länder. In Kastilien, im trockenen Landesinneren gelegen, hat sich das absolutistische Prinzip verfestigt, indem das königliche Wort Gesetz ist. Im Gegensatz dazu unterhielten die Monarchen im mediterranen Katalonien deutlich vielschichtigere Beziehungen zu öffentlichen Institutionen wie Parlament und Gerichten. Oder, wie ein bestürzter Beobachter sagte: „Für die Katalanen ist der König nur etwas abstraktes“, während ein anderer meinte: „Die vergangenen Parlamente haben die Katalanen republikanischer gemacht als die Briten.“ Im 15. Jahrhundert haben sich die beiden Staaten schließlich durch eine königliche Ehe vereint. Katalanen wie Kastilier unterstanden fortan in der gleichen Monarchie, wobei die königliche Einflussnahme in Katalonien beschränkt blieb. So entwickelte sich zum Beispiel Amerika zu einem rein kastilischen Unterfangen, denn weil Katalonien ein eigenes Königreich war, hatte es dort keine Rechte. Es gibt somit auch keine katalanischen „Konquistadoren“.

Nie endende Rivalität
Paradoxerweise begann die Rivalität zwischen Kastilien und Katalonien erst mit der Vereinigung beider Königreiche. Es konnte gar nicht anders kommen, denn es handelte sich um politische Antipoden. Die Katalanen beteiligten sich nicht am kastilischen Imperialismus. Die Gesetze in Barcelona zum Beispiel, verbaten es dem König, Katalanen zu rekrutieren, um außerhalb Kataloniens zu kämpfen. So musste Kastilien die Kriege in Flandern und Amerika allein führen. Aber es gibt noch etwas! Mit der Vertreibung der Juden im Jahr 1492, musste sich der König einen neuen Sündenbock suchen und fand sie gleich im eigenen Land. Das kollektive Bild, das die Spanier bis heute von Katalanen haben, entstand in dieser Zeit: Der Katalane als sparsame und zurückhaltende Kreatur, arbeitsam, aber irgendwie komisch. Der Katalane ist sehr eigen, vielleicht weil er eine andere Sprache spricht – und das macht er extra sehr schlecht, damit wir nicht verstehen, was er vorhat. Schlau, oder besser gesagt, durchtrieben und egoistisch.

Das fein austarierte Gleichgewicht zwischen den beiden Königreichen fand im Jahr 1700 mit dem spanischen Erbfolgekrieg sein Ende. Dabei handelte es sich in Wahrheit eher um einen europäischen Krieg zwischen den beiden Großmächten dieser Zeit, Frankreich und England. Die Widersacher suchten Alliierte. Kastilien verband sich mit Frankreich und Katalonien mit England. Auf den europäischen Schlachtfeldern wurde um die Vorherrschaft auf dem Kontinent gerungen. Die Katalanen wussten, wenn ihre absolutistischen Feinde gewinnen würden, wäre es das Ende ihrer Institutionen. Somit handelte es sich nicht um einen ethnischen oder politischen Konflikt, denn die katalanischen Anführer wählten als militärischen Oberbefehlshaber sogar einen Kastilier. Der Krieg war grausam. Und im Jahr 1713 ließ England Katalonien aus politischem Interesse im Regen stehen. Isoliert überstand Barcelona ein Jahr lang die Belagerung. Im Jahr 1714  kapitulierte die Stadt nach einem verheerenden Angriff, bei dem Tausende Zivilisten und Soldaten gestorben waren. Die nachfolgende Repression waren radikal. Die Institutionen wurden abgeschafft, die Sprache verboten und dutzende Häuser in Brand gesteckt.

Das reiche Katalonien
1714 hörte Spanien auf, ein Staatenbund zu sein und wurde zu dem, was es bis heute ist: Ein streng kastilisches Projekt. Jedes Mal, wenn eine Republik ausgerufen wurde oder ein Diktator starb oder einfach nur eine demokratischen Wallung zu spüren war, führte Katalonien die Sehnsüchte nach kollektiver Freiheit an. Heute beginnt eine Mehrheit der Katalanen zu verstehen, dass es unmöglich ist, Katalane in Spanien zu sein. Die spanische Politik ist zu unflexibel und intolerant. Das Katalanische wird als pathologisch angesehen. Katalonien erlebt derzeit einen außergewöhnlichen Prozess gesellschaftlicher Mobilisierung, inspiriert durch Mandela und Ghandi. Ihr Ziel? Dass die katalanische Gesellschaft frei über ihre Zukunft entscheiden kann, was die spanischen Gesetze bisweil verbieten. Es gibt kein Gegenangebot. Spanien beschränkt sich darauf, der katalanischen Gesellschaft Angst einzujagen und ihre Anführer als Nazis zu beschimpfen. Und vor allem die Bedrohung zu verbreiten, aus der Europäischen Union ausgeschlossen zu werden. Aber wenn die EU alles in ihrer Macht stehende getan hat, einen belastenden und gescheiterten Staat wie Griechenland in ihren Reihen zu behalten, warum sollte sie dann Katalonien rauswerfen, ein so prosperierendes Land, einen so überzeugten Europäer und Nettozahler, in dem so viele europäische Unternehmen aktiv sind!

Im Jahr 1714 fühlte sich England schuldig, die Katalanen auf so niederträchtige Weise im Stich gelassen zu haben! In London erschien das Manifest The Deplorable History of the Catalans („Die bedauerliche Geschichte der Katalanen“). Heute fürchtet Madrid nichts mehr, als eine Macht, die ihr auferlegt, mit den Katalanen in Verhandlungen zu treten, und das schafft nur eine informierte europäische öffentliche Meinung. Das, was gerade in Katalonien passiert, ist demokratisch: Eine zivile Revolution, eine Erneuerung der Demokratie.

 

Quellen:

Albert Sánchez Piñol
http://www.zeit.de/politik/ausland/2015-09/katalonien-unabhaengigkeit-spanien-separatisten

http://www.donquijote.de/blog/katalonien