Istanbul – zwischen zwei Welten

Die Istanbuler behaupten, dass keine Stadt in Europa so lebendig ist wie die Stadt am Bosporus. Und sie haben Recht! Es geht drunter und drüber – Tag und Nacht.

In Kroatien nennt man die Stadt noch immer „Caringrad“, die Stadt des Kaisers. Sie war über Jahrhunderte das Zentrum der Welt. Die Hauptstadt der Römer, Byzantiner und der Osmanen. Heute ist sie die größte Stadt der Türkei und ihr kulturelles sowie wirtschaftliches Zentrum. Zwei Kontinente teilen sie sich. Auf der einen Seite das moderne Europa, auf der anderen das rückstehende Asien.

Es ist ruhig auf dem Teksim-Platz – ich war kurz nach einer Demonstration auf dem berühmtesten Platz der Türken, wo einige Tage zuvor mehrere hunderttausend Menschen für mehr Lohn und bessere Lebensverhältnisse demonstriert haben. Der Himmel ist klar, der Platz sauber und die Menschen seelenruhig, als ob nichts geschehen wäre. In den deutschen Medien sah das noch anders aus. Wütende Menschen, Straßenschlachten, hunderte Polizisten, Wasserwerfen und brennende Autos. Nicht davon war zu sehen! Die Türken scheinen sehr schnell in der Beseitigung von Schäden zu sein.

Brücke zwischen den Weltreligionen

In Istanbul hat mich jedoch etwas anderes interessiert. Nach einem Besuch der berühmten Hagio Sophia wollte wissen, wie die Christen heute in Istanbul leben. Aber zunächst muss ich kurz in die Geschichte ausschweifen. Denn das Sinnbild für die Situation der Christen ist die Hagia Sophia, einst die größte Kirche der Christenheit. Nach der Eroberung Konstantinopels im Jahr 1453 wurde sie in eine Moschee umgebaut und diente den osmanischen Sultanen lange Zeit als Hauptmoschee. Heute ist das Gotteshaus ein Museum und dient als Brücke zwischen den zwei größten Weltreligionen.

Die Situation der Christen hat sich in den letzten fünfzig Jahren enorm verschlechtert. In den fünfziger Jahren hatte Istanbul eine Million Einwohner, davon waren 200 000 Christen. Heute hat die Stadt 14 Millionen Einwohner, aber nur noch 100 000 Christen. Was ist geschehen? Die Organisation der bedrohten Völker sieht die Lage der Christen in Istanbul kritisch. „Viele Christen wurden seit dem letzten Jahrhundert vertrieben oder islamisiert. Andere sind ausgewandert“, sagt Marius Grekaris, ein Mitglied der orientalischen Kirche. „Es gibt nach wie vor Anschläge auf christliche Einrichtungen. Auch die Regierung macht nichts, um die Christen zu schützen. Die Türkei erlaubt zwar Religionsfreiheit, trotzdem dürfen wir hier keine Priester oder Theologen ausbilden.“

Die Lage der Christen in der Türkei

Der Besuch von Papst Ratzinger im Jahr 2012 hat die Diskussion um die Lage der Christen in der Türkei erneut entfacht. Auch der ehemalige deutsche Bundespräsident Christian Wulff hat vor dem türkischen Parlament in Ankara die Regierung aufgefordert, die Rechte der Christen im Land zu verbessern. Vier Jahre später ist immer noch nichts positives geschehen. Der Satz, dass das „Christentum zur Türkei gehöre“, wurde mit eisiger Miene aufgefasst. Das der Islam zu Deutschland gehöre, wurde im Gegenzug bejubelt. Viele Kirchen, wie die Kirche des Apostels Paulus in Tarsus, wurden in den letzten Jahren beschlagnahmt und als Museum oder Lager umgebaut. Eine Rückgabe an die Katholische Kirche schließt die türkische Regierung aus.

Der emeritierte Kölner Kardinal Meisner setzt sich intensiv für einen Neubau der Kirche in Tarsus ein. „In diesem für die Christenheit wichtigen Ort, dem Geburtsort des Heiligen Paulus, leben nur noch drei Katholiken. Drei alte italienische Ordensfrauen in Zivil, die bei einer Privatfamilie als Untermieterinnen wohnen. Um an einer Messe teilzunehmen, müssen sie über 30 Kilometer mit dem Auto fahren, obwohl in Tarsus eine Kirche steht“, sagte Kardinal Meisner. „Sie wurde von den türkischen Behörden zum Museum umfunktioniert. Als wir in Tarsus waren, durften wir darin nur ausnahmsweise die heilige Messe feiern. Kreuze und Kerzen mussten wir mitbringen, anschließend musste jedes christliche Symbol entfernt werden. Das hat mir einen Stich ins Herz gegeben.“

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