Futebol in der Favela Santa Marta

Wann hat man schon die Chance, in einer Favela mit einheimischen Jungs Fußball zu spielen!? Es war einer dieser geringen Zufälle, die sich nur ein Mal im Leben ereignen. Unser vorletzter Tag in Rio de Janeiro. Am Abend fand das zweite WM-Gruppenspiel der Brasilianer gegen Mexiko statt. Die ganze Stadt hat sich in die brasilianischen Nationalfarben gelb und grün eingefärbt.

Für den heutigen Tag haben wir uns vorgenommen, eine Sightseeingtour vom Zuckerhut bis nach Ipanema zu machen. Wer sind wir: Danijel, Ramon, Beno und ich Marko, alles Kroaten aus Deutschland. Spontan natürlich. Was wir nicht geahnt haben, an Tagen, an denen Brasilien spielt, steht alles still. Wirklich alles! Taxis, Supermärkte, Büros, Restaurants. Trotzdem haben wir uns unser kroatisches Trikot übergezogen und uns auf den Weg zum Zuckerhut gemacht, um anschließend zum Cristo Redentor hochzusteigen.

Wir dachten uns, dass man wenigstens die Sehenswürdigkeiten sehen kann. Nichts da! Auch hier alles verschlossen. Plötzlich trafen wir zwei kroatische Fans, die uns vorgeschlagen haben, anstelle der Tour zur Favela Santa Marta zu wandern. „Es ist nicht sehr weit“, sagten sie. Die Favela war etwa fünf Kilometer entfernt.

Ein Zufall nach dem anderen
Die zwei haben uns auf einer kleinen, kaum zu entziffernden und verknitterten Touristenkarte gezeigt, wo wir die Favela finden können. „Da oben auf dem Hügel, zwischen zwei längeren Straßen. Naja ungefähr!“, erklärten sie uns. Aber wie es das Schicksal wollte, haben wir uns verlaufen – typisch. Oben angekommen, standen wir plötzlich in einem sehr noblen Viertel. Schöne weiße Häuser, zwei Etagen. Lange Gärten – sogar mit Pool. Ich dachte mir nur: „das kann´s ja wohl nicht sein!“ Enttäuscht und  vom ständigen Bergauf und -ab erschöpft, standen wir in Mitten dieser Villen und hatten die letzte Hoffnung bereits aufgegeben und dachten uns nur: „so etwas haben wir auch in Deutschland!“

Dann der zweite Zufall. Ein älterer Mann kommt unerwartet mit einem Mofa angerast und parkt es an einer Wand, genau neben uns. „Sollen wir ihn fragen?“, sagt Beno. „Nein, die können doch eh kein Englisch!“, erwiderte ich. Da ging Danijel einfach hin und fragte ihn: „Hi, you might know where the Favela Santa Marta is?“. „Yes, sure“, sagte er. Endlich ein hilfsbereiter Brasilianer, der noch Englisch kann! Das ist sehr selten in diesem Land. Mario heißt er! Ein brasilianischer Journalist von CNN. Wir haben uns erst nett unterhalten, wie es in Brasilien typisch ist. Über das erste Spiel, die WM, Kroatien, Europa, über Brasilien. Vorsichtig bewegten wir uns vom Smalltalk „de Brasil“ und brachten die Favela wieder ins Gespräch. Dann sagte er, dass er einen Touristenführer aus der Gegend kennt und er ihn sofort anrufen kann, wenn wir wollen. „Ja, bitte! Nichts wäre uns lieber“, sagte Ramon. Er holte das Handy raus und find an zu tippen. Ein kurzer Anruf hat genügt. Er hat Zeit! Und wird uns in die Favela bringen, aber nur eine Stunde, denn Brasilien spielt um 16 Uhr.

Brasilianische Gastfreundschaft
Aber kein Problem! Das passte uns sehr gut in den Plan. Das es später eine richtige Hetzjagd wird, hätten wir uns zu dem Zeitpunkt nicht vorstellen können. Mario lud uns  zu sich nachhause ein. Auf ein Glas Wasser, solange bis der Touristenführer zum besprochenen Treffpunkt kommt. Diese Gastfreundschaft war großartig und unvergesslich. Wir gingen eine schmale Treppe zum Hauseingang hoch. Die Wohnung war sehr einfach eingerichtet. Ein Tisch, vier Stühle, ein Fernsehen und eine graue Couch. Klein und gemütlich. Mit wundervollem Blick auf das Meer und die Copabacana. Allerdings schwer zu erkennen durch das ganze Häuser-Wirrwarr.

Er lebt mit seiner Frau und seinem Hund Rocky in einem Mehrfamilienhaus. Mario erzählte von seiner Arbeit, wie er einige Monate in London lebte und auch Berlin vor einigen Jahren besuchte. Beno durfte sogar die Toilette benutzen, bevor wir uns wieder auf den langen Marsch machten. Dann endlich der Anruf: „Wo seid ihr? Ich warte auf euch an der Hauptstraße, nicht weit weg. Geht einfach die Straße entlang“, erklärte Lui, der Touristenführer. Wir gingen raus und bedankten und für die Gastfreundschaft. Und siehe da, Lui wartete tatsächlich auf uns. Pünktlichkeit nimmt man in Brasilien nicht ganz so ernst.

Business aus dem Elend

Lui. Ein dunkelhäutiger Brasilianer. Etwas klein und pummelig. Er kommt aus der Favela, hat nie etwas anderes gesehen. „Ich bin hier geboren. Meine ganze Familie lebt hier“, erzählt er uns. Vor einigen Jahren kam er auf eine großartige Idee: Er wollte aus seinem Elend ein „Business“ machen. Gemeinsam mit seiner Mutter und seiner Schwester führt er ein Touristenbüro und organisiert Touren durch seine Favela.

„Es ist ein großartiges Geschäft und man kann super davon leben. Wir haben sogar unser Haus vergrößert, jetzt gibt es noch ein Hostel oben“, erzählt Lui. „Und da leben wirklich Touristen?“, fragte ich. „Ja über das ganze Jahr!“, antwortet Lui. Was wir erst später erfahren haben, in dieser Favela hat Michael Jackson sein Video für „they don´t care about us“ gedreht. Der dritte Zufall, dass wir genau in dieser Favela gelandet sind. Denn wir sind alle Michael Jackson Fans. „Ah, ihr wusstet das nicht“, fragt Lui überrascht! „Nein!“ Woher auch. „Ich habe gedacht, ihr seid nur deswegen gekommen“, sagt er.

Dreck überall

Gespannt gingen wir durch die kleinen Gassen. Vorbei an brüchigen Türen, ramponierten Treppen und etwas sehr wackeligen Brücken aus Holz. Faszinierend und etwas ekelig zugleich. Irgendwie hatte man angst etwas zu berühren, bis man die vielen Menschen dort sieht, wie sie trotzdem glücklich leben und sich einfach auf das Spiel gleich freuen. Da verschwinden die Hemmungen auch schnell wieder. Es ist eine andere Welt, die dennoch irgendwie zu funktionieren scheint. Man sieht Kinder mit Rücksäcken von der Schule kommen, Männer mit gebügeltem Hemd, die ihr Fahrrad gerade von der Arbeit hochtragen. Es ist Alltag in der Favela.

Was für eine Lebenserfahrung. Die schmalen Treppen. Der Dreck überall. Die einsturzgefährdeten Häuser. Für Europäer ist das ein unglaublicher Anblick. Man kann es kaum wahrhaben, dass dort wirklich Menschen leben. Oben angekommen, stand eine lebensgroße Statue von Michael Jackson. Natürlich haben wir sofort unsere Kameras rausgeholt und wie die Weltmeister geknippst – mit wundervollem Blick auf Cristo Redentor. Es ging alles sehr schnell. Noch 20 Minuten bis zum Spiel. Plötzlich standen auf einem Platz mit ein paar einheimische Jungs. Sie stehen zu zehnt im Kreis und kicken einen Ball hin und her. Einer steht in der Mitte. In Deutschland haben wir das früher auf dem Schulhof „Schweinchen in der Mitte genannt“.

Futebal no circulo

Die Favelakinder sagen einfach „futebal no circulo“ dazu. Ich konnte nicht widerstehen zu fragen, ob ich mitspielen kann! Vielleicht wird ja mal einer von denen der zukünftige Neymar.  Viele brasilianische Fußballspieler haben in solchen Favelas das Ballspielen gelernt. Kein Wunder, was soll man denn sonst den ganzen Tag lang machen. Die Jungs waren super. Keiner hat ein Wort verstanden, aber beim Fußball verständigt man sich eh mit Händen und Füßen. Auch ihnen hat man die Anspannung vor dem Spiel angemerkt. Zurecht, denn es ist 0:0 ausgegangen. Ein Sieg für die Mexikaner, aber eine Niederlage für Brasilien. Nach der Tour durften wir das Spiel mit den Einheimischen in der Favela schauen. Auf Leinwand! Mit einer 1-Liter Flasche Brahma Bier.

 

Marko Orlovic

Video: IMG_6639