Eine Katastrophe vereint die Menschen

Die Flutkatastrophe in Kroatien, Bosnien und Serbien hat die Unterschiedlichkeit der Menschen vergessen gemacht. Die Hilfsbereitschaft und die Solidarität waren überwältigend! Aber musste uns tatsächlich die gewaltige Kraft der Natur wieder vereinen?

Dieser Tage hört man nahezu überall in den Ländern Süd-Ost-Europas“, dass so ein positiver Impuls seit dem Krieg nicht mehr zu spüren war. Jeder wollte helfen, jeder wollte etwas für die Opfer tun. Plötzlich war es egal woher man kommt. Ob aus Split oder Novi Sad, Zagreb oder Sarajewo. Es hat nicht einmal mehr interessiert, ob du Serbe oder Bosnier, orthodox oder katholisch bist. Die Menschen teilten dasselbe Schicksal. Und dem Fluss Sava war es auch egal, wolang die politischen Grenzen der Länder und Gemeinden verlaufen.

Ich bin Ende Mai von Köln nach Split geflogen. Von dort aus wollte ich mit dem Auto in das Krisengebiet nach Slawonien  fahren. Man sagte mir beim kroatischen Roten Kreuz, dass dort die zentrale Station für die Hilfsorganisation wäre. Früh am Morgen angekommen, machte ich mich auf den 700 Kilometer langen Weg über die neue Autobahn von Split bis Vinkovci.  Die Fahrt dauerte etwa 7 Stunden. Unterwegs sah man bereits das Ausmaß der Flutkatastrophe.

In Vinkovci angekommen, meldete ich mich beim Roten Kreuz. Dort war man überglücklich, dass jemand mit dem Auto helfen kommt. „Wir haben große Probleme bei der Überfahrt. Das Rote Kreuz hat uns nur zwei Wagen aus Zagreb geschickt. Das reicht nicht!“, sagt Marijana, die Leiterin des Roten Kreuzes vor Ort. Zusammen mit vier Helfern, machten wir uns auf den Weg nach Županja. Wir sollten den Menschen Lebensmittel bringen und beim Sandaufschütten helfen. „Es kommen jeden Tag mehr Menschen aus den betroffenen Gebieten. Wir sind total überfordert“, sagt Marin, ein freiwilliger Helfer aus Vukovar.

„Aus ganz Kroatien und der Diaspora kommen täglich volle LKW´s mit Hilfsgütern. Es klingt blöd, aber ist zu viel und vor allem ist auch viel überflüssiges dabei! Wir wissen kaum wohin mit den Sachen. Wir brauchen dringend mehr Babynahrung und Gummistiefel“, sagt Marin. Unterwegs haben wir noch an Hauptsammelställe für die Hilfsgüter halt gemacht. Die Lager waren schon fast überfüllt. Circa 50 Freiwillige sortieren alles mögliche, von Windeln bis zu irgendwelchen Keksen aus Bayern. Nachdem wir das Auto bis an den Rand gefüllt haben, ging es sofort weiter.

Hunderte Menschen waren vor Ort und haben mitangepackt. Ein Bild, was für immer im Gedächtnis bleibt. „Die Solidarität unter den Menschen ist einmalig. Wir finden nach so langer Zeit wieder zusammen. Es ist einfach nur großartig“, sagt Branimir, ein Polizist aus Bosnien. Die Stadt konnte gerade noch gerettet werden. Einige Häuser stehen zwar unter Wasser, aber es hätte schlimmer kommen können. Ich stellte meinen Wagen vor das Gebäude des Roten Kreuzes ab und ging zum Leiter. Alles war voller Menschen. Man hat ihnen die hilfslosigkeit im Gesicht anmerken können. Wir sollten dabei helfen, die Nahrungsmittel für etwa drei Tage zu verteilen.

Als ich gerade meine fünfte oder sechse Kiste packte, genau weiß ich es garnicht mehr, sah ich eine alte Frau auf mich zukommen. In einem altmodisch-schwarzen Gewand gekleidet, das Gesicht umhüllt in einem schwarzen Kopftuch. Es ist die Tracht der kroatischen Witwen, so wie sie es einst Königin Katherina trug und der kroatischen Frau nach der Flucht vor den Türken vermachte. Den Stock hielt sie zitternd in der rechten Hand und eine zerrissene orangene Tüte in der linken. Der Anblick war verstörend und so traurig, dass wir alle für einen Augenblick erstarrten. Diese Frau hatte vermutlich durch die Flut ihr letzten Hab und Gut verloren.

Ich begrüßte sie und fing an wichtige Lebensmittel für Sie zu packen. Als sie plötzlich sagte: „Halt, halt!“ Und ein Kilogramm Mehl aus einer orangenen Plastiktüte herausholte. „Ich möchte das gerne spenden“, sagte sie, mit ausgestreckter Hand. Die Helfenden um mich herum fingen an zu weinen, auch ich kam den Tränen nahe. Aber wen würde diese Situation nicht berühren. Eine Frau, die ihr letztes Kilogramm Mehl spenden möchte und selbst in Armut lebt. Diese Geste zählte für mich mehr, als alle ankommenden LKW´s zusammen.