Bosnien – Land eines europäischen Islam?

In Bosnien und Herzegowina ist der Islam neben dem Christentum seit Jahrhunderten Teil des gesellschaftlichen und kulturellen Lebens. Das wird besonders bei einem Spaziergang durch die Altstadt von Sarajevo deutlich. Doch erkennt man bei näherer Betrachtung gleich zwei Arten des Islam in Bosnien: den mehrheitlich moderaten sowie den streng-konservativen.

Zu diesem Thema habe ich eine interessanten Artikel von Nedad Memić entdeckt, den er 2016 für die Deutsche Welle veröffentlicht hat und als Bosnier den Islam in Bosnien und Herzegowina kritisch unter die Lupe nimmt. Er macht deutlich, dass die Mehrheit der islamischen Bosnier bisher als moderate Muslime galten. Doch liest man in vergangener Zeit immer häufiger Berichte über die Radikalisierung der Muslime in Bosnien. Wie zum Beispiel, dass man bis vor wenigen Jahren nur wenige Frauen mit einem Kopftuch gesehen hat und Besucher aus arabischen Ländern sich über die Offenheit der bosnische Muslime gewundert haben. Denn nicht einmal in Moscheen seinen die Männer von den Frauen strikt getrennt, „Frauen und Männer reichen sich sogar einander zur Begrüßung ganz natürlich die Hand.“

Memić erklärt den moderaten Islam mit der These, dass die bosnischen Muslime durch das Zusammenleben mit den serbisch-orthodoxen und kroatisch-katholischen Nachbarn einen moderaten-europäischen Islam geprägt haben. Wiederum schreibt er es dem Säkularisierungsprozess im sozialistischen Jugoslawien zu, wo viele ihre Religionszugehörigkeit gegen den Sozialismus eingetauscht haben. Doch woher kommt die jüngste Radikalisierung der Muslime, die sogar im europäischen Ausland kritisch beobachtet wird? Kürzlich sprach der österreichische Außenminister Sebastian Kurz von bosnischen Frauen, die man bezahlen würde, damit sie in der Öffentlichkeit ein Kopftuch tragen. Sogar wachsenden IS-Stützpunkten ist die Rede.

Memić schreibt dazu: „Tatsächlich wächst seit den 1990er Jahren und der Teilnahme sogenannter Mudschahedin im Bosnienkrieg der Einfluss aus dem arabischen Raum und der Türkei. Saudi-Arabien oder die Golfstaaten haben den Bau zahlreicher Moscheen und Bildungseinrichtungen finanziert. Studenten und Touristen aus der Türkei und dem arabischen Raum strömen nach Bosnien-Herzegowina. Von arabischen Großinvestoren gebaute Einkaufszentren sind zu den neuen Wahrzeichen bosnischer Städte geworden.“

Weiter erklärt er: „Bosnien-Herzegowina gehört zu den europäischen Ländern mit der größten Zahl von IS-Kämpfern pro Kopf der Bevölkerung. Die meisten dieser selbst ernannten Gotteskrieger kommen aus einigen abgelegenen und mittlerweile streng beobachteten Salafistendörfern. In den letzten 20 Jahren hat der traditionelle bosnische Islam Konkurrenz in parallelen salafistischen Strukturen bekommen. Mit dieser Konkurrenz setzt sich die islamische Glaubensgemeinschaft erst in jüngster Zeit aktiv auseinander – viele sagen zu spät.“

Es stellt sich nun die Frage, was die Europäische Union gegen die Radikalisierung der Muslime in Bosnien unternehmen kann. Dabei scheinen viele bosnisch-herzegowinische Politiker die Antwort zu kennen: Mehr Investitionen aus der EU. Denn die größten Geldgeber kommen aus Russland und der Türkei sowie dem arabischen Raum. Das muss sich bald ändern, wenn die EU ihren Einfluss auf das Land nicht noch weiter verlieren möchte und weitere Konflikte drohen.

 

Links: http://www.dw.com/de/bosnien-ort-eines-europ%C3%A4ischen-islam/a-19267486

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