Berlin – ein Besuch im Bundestag

Der Dialog bringt sehr viel, falls man ihn führen möchte. Die Vereinigung kroatischer Studenten aus München war zu Gast beim SPD-Bundestagsabgeordneten Josip Juratović und sprach mit ihm über aktuelle gesellschaftspolitische Themen wie Bildung, Wirtschaft und Politik.

Die Zeit der politischen Teilungen und der gesellschaftlichen Zerrissenheit muss vorübergehen. Lästige ideologische Zänkereien sind der Stoff vergangener Tage und seit Jahrzehnten nicht mehr präsent in den Köpfen junger Menschen. Die Visionen der Moderne sind ganz andere. Sie bilden sich aus der Gemeinschaft und Solidarität, vereinbart mit frischer Heimatliebe und tugendhafter Religiosität. Kaum jemand betont diese Paradigmen derart wie die Mitglieder der Vereinigung kroatischer Studenten (UHS) in München. „Wir wollen den Dialog zwischen den politischen Kontrahenten fördern und Brücken bauen. Gemeinsam unsere Zukunft vorbeireiten“, sagt Mate Curić, Präsident der Vereinigung kroatischer Studenten e.V.

Wie dieser konstruierte Brückenbau in der Praxis aussieht, haben die Studenten bei einem Treffen mit dem Bundestagsabgeordneten der SPD Josip Juratović Anfang Mai in Berlin gezeigt. Im Paul-Löbe-Haus, dem Nachbarhaus des Reichstagsgebäudes, wurde konstruktiv über gesellschaftswichtige Themen wie Integration, Bildung und Wahlrecht diskutiert. „Mir ist es jedes Mal eine Freude junge Menschen zu treffen, vor allem wenn es sich um Intellektuelle handelt, die die zukünftige kroatische Elite in Deutschland und Kroatien repräsentieren“, sagt Josip Juratović, der seit 2005 Mitglied des Deutschen Bundestags ist und als Berater des Bundes für Südost-Europa wirkt.

Dialog statt Streit

Das Treffen mit Juratović war den Münchner Studenten aus mehreren Gründen wichtig. Zum einen allein deshalb, weil Josip Juratović der einzige kroatisch-stämmige Abgeordnete im Deutschen Bundestag ist und jahrzehntelange Kontakte zur politischen Elite in Deutschland sowie in Kroatien pflegt und zum anderen, weil er sich aktiv für die Werte eines demokratischen Europa einsetzt und die Integration fördert. Nicht zuletzt, um für die Vereinigung ein Gleichgewicht zwischen rechts- und linksorientierten politischen Parteien zu finden. „Wir suchen das Gespräch mit allein Parteien, Institutionen und Vereinen, denn nur so kann man eine dauerhaft stabile Zukunft gestalten“, sagt Dragica Udiljak, UHS-Vizepräsidentin und Studentin der Medizin.

Wie dieser Dialog Früchte getragen hat, konnte man Ende Mai in der kroatischen Talkshow „Nedjeljom u dva“ hören, als Juratović seine negative Meinung zum Wahlrecht der Kroaten in der Diaspora in eine positive änderte und dabei ausdrücklich das Treffen mit den kroatischen Studenten aus München als einwirkend betonte. „Junge Menschen können nicht nur, sondern sollten Einfluss auf die Politik, Gesellschaft, Wissenschaft und Kultur nehmen. Das Treffen mit Josip Juratović zeigt, wie ein fruchtbarer Ideenaustausch positiven Ausklang finden kann. Wir laden deshalb jeden Studenten dazu ein, sich aktiv unserer kroatischen Vereinigung anzuschließen“, sagte Mate Curić.

 

Offene Türen für deutsche Kroaten

Die Meinung eines langjährigen Bundestagsangeordneten zu ändern ist fast so schwer wie der Harpyie das Ei aus dem Nest zu stehlen, dennoch ist es den kroatischen Studenten durch eine konkrete und selbstbewusste Argumentation gelungen. „Wir haben betont, dass die Diaspora immenses zur kroatischen Staatsgründung beigetragen hat und auch heute noch in Kroatien investiert“, sagt Stipe Martinović, UHS-Mitglied. „Es wäre verantwortungslos, wenn die Diaspora-Kroaten, vor allem die aus den EU-Staaten, kein Wahlrecht im eigenen Land hätten. Außerdem trägt die Republik Kroatien laut Daytoner-Abkommen eine Mitverantwortung für Bosnien und Herzegowina, was das Wahlrecht legitimiert.“

Interessiert haben sich die Studenten vor allem für die Bildungs- und Arbeitschancen junger Kroaten in Deutschland. Nach aktuellen Schätzungen verlassen jährlich über 10.000 junge Kroaten die Heimat in Richtung Deutschland. Es fehlt allerdings noch an konsequenten Programmen und integrationsfördernden Mitteln, um die gesellschaftliche Eingliederung zu erleichtern. Zusammenhängend geraten dadurch die in Deutschland geborener Kroaten immer mehr in den Hintergrund. Auch ihnen müssen die Türen in Deutschland geöffnet werden. „Wir müssen die Integration aller Kroaten in Deutschland fördern, damit meine ich allerdings nicht die vollkomme Assimilation. Denn noch verbinde ich meine Hoffnung damit, dass viele Kroaten nach Kroatien zurückkehren und dort ein modernes und demokratisches Land aufbauen“, sagt Juratović.