01
/
01
/
Marko Orlović

Montenegro: Ein tief gespaltenes Land

30 Jahre regierte Milo Djukanovic das kleine Land an der Adria. Machtbewusst und teilweise autokratisch führte er die Geschicke Montenegros. Doch nun ist dem Langzeitherrscher die Macht abhanden gekommen: Bei den vergangenen Parlamentswahlen musste er eine herbe Niederlage einstecken. Drei verschiedene Oppositionsbündnisse erlangten zusammen 41 von 81 Mandaten, sie wollen die Ära Djukanovics beenden. Dessen prowestliche Partei DPS kam nur auf 35 Prozent der Stimmen. Die Kritiker des Ex-Kommunisten werfen ihm vor allem Korruption, Klientelwirtschaft und Nähe zum organisierten Verbrechen vor. Auch die Verfolgung von unabhängigen Medien und Wahlmanipulationen werden ihm angelastet.

Die frühere jugoslawische Republik ist tief gespalten. Das proserbische Oppositionsbündnis, das engere Beziehungen zu Serbien und Russland anstrebt, erhielt 33 Prozent der Stimmen. Sie wollen das Land, das 2006 seine Unabhängigkeit von Serbien erklärte und 2017 NATO-Mitglied wurde, fest an Belgrad und Moskau binden. Viele Montenegriner wehren sich dagegen. Denn während sich ein Großteil der Rund 620.000 Montenegriner als Teil einer serbischen Nation sieht, begreift sich der andere Teil als eigenständiges Volk, das wiederum eine eigene nationale Montenegrinisch-Orthodoxe Kirche unterstützt. Diese ist allerdings dem Patriarchen der Serbisch-Orthodoxen Kirche mit Sitz in Belgrad untergeordnet.

Der Konflikt um die kirchliche Zugehörigkeit wird in dem Land höchst emotional diskutiert und fand zuletzt seinen Höhepunkt, als das montenegrinische Parlament ein Gesetz verabschiedete, wonach alle Objekte und Grundstücke, die aktuell der Serbisch-Orthodoxen Kirche in Montenegro gehören, dem Staat übertragen werden sollen – wenn die Kirche nicht nachweisen kann, dass sie diese schon vor 1918 besaß. Es kam zu mehreren Protesten, Auseinandersetzungen und Verhaftungen. Auf der einen Seite versuchen sich nun die proserbischen Parteien als „Verteidiger der Heiligtümer“ zu profilieren, auf der anderen Seite schüren die Sozialisten die Angst, Montenegro könnte seine staatliche Unabhängigkeit verlieren.